November 2018

1. November 2018

Schreck in der Morgenstunde. Gismo belastete vorne links sein Bein nicht mehr und humpelte stark. Für gewöhnlich tippe ich bei plötzlich humpelnden Eseln immer auf ein Hufgeschwür und bis dato lag ich zu 99% auch immer richtig mit dieser Vermutung. Ist dies doch die "Volkskrankheit" Nummer eins bei Eseln. Die Hufe kommen mit unserem feuchten Klima hier halt immer noch nicht wirklich gut zurecht. Sie stammen schließlich aus Afrika und sind trockene und harte Böden gewöhnt.

Da Gismo aber gestern so ausgelassen getobt hatte, könnte es vielleicht diesmal doch etwas anderes sein. Vielleicht war er umgeknickt oder ausgerutscht und hat sich etwas verstaucht oder gerzerrt.

Also habe ich das Bein erst einmal abgetastet. Es war weder kälter, wärmer oder dicker wie das andere Bein. Beim Hufe auskratzen sah der Huf gut aus, es steckte kein Fremdkörper drin. Allerdings machte er ein wenig Probleme, als ich den anderen Huf auskratzen wollte, denn nun musste er sein Gewicht ja auf das schmerzende Bein verlagern. Er riss sich jedoch zusammen, so dass ich dennoch seinen rechten Huf auskratzen konnte - braver Junge.

 

Alles sprach für mich nach wie vor für ein Hufgeschwür. Habe leider schon so einige Erfahrungen damit gesammelt. Meine Hufpflegerin meinte neulich sogar, dass es dieses Jahr besonders schlimm sei. Auch bei den Pferden. Der Boden sei durch diesen extremen Sommer und Herbst so lange trocken gewesen, dass auch die Hufe total ausgetrocknet wären und sich feine Risse im Horn gebildet hätten. Wenn es dann feucht wird, dringen Bakterien in die Haarrisse ein und ehe man es sich versieht, hat der Esel ein Hufgeschwür.

 

Mit diesem Hintergrundwissen schnappte ich mir meine Hufpflege-Utensilien und raspelte erst einmal ein wenig den Huf an, um mir einen besseren Überblick über das Ganze zu verschaffen. Die weiße Linie sah fast tadellos aus und innerlich klopfte ich mir auf die Schulter, wie gut Gismos Hufe sich in den letzten 6 Monaten entwickelt hatten. Dann dachte ich an meine Tierärztin, die schon das ein oder andere Hufgeschwür bei meinen eigenen Eseln lokalisiert hatte und erklärte, dass es häufig in den Eckstreben sitzt.

Ich nahm ein Hufmesser und begradigte ein wenig die linke Eckstrebe. Dabei kam mir etwas Flüssigkeit entgegen. Ups, was war das? Ich roch daran, doch es stank nicht. Es roch nach rein gar nichts. War es Regenwasser, was aus Gismos Fell hinuntergetropft war? Ich schnitt eine hauchdünne Scheibe Hornmaterial an der Eckstrebe ab und wieder kam mir Flüssigkeit entgegen. Demnach doch eindeutig aus dem Huf und nicht etwa von oben hinabgetropft. Ich nahm einen kleinen Schraubenzieher und drücke punktuell auf diese Stelle. Gismo zuckte ein wenig und ich verstand, dass dort der Schmerzherd saß. Also in der Tat ein Hufgeschwür.

Die Stelle selber sah jedoch vollkommen in Ordnung aus. Kein Gammel, kein poröses oder angegrautes Horn, keine schwarzen punkte in der weißen Linie. Nichts, es sah nach perfekter Hornsubstanz aus.

Ich schnitt erneut dünne Scheiben Horn an der Eckstrebe ab und plötzlich hörte ich ein knirschendes Geräusch. Zuerst dachte ich, ich sei mit dem Messer auf ein Steinchen gestoßen, doch dann begriff ich, dass Luft durch einen engen Kanal gezischt kam, den ich getroffen hatte. Vorsichtig doktorte ich weiter und Gismo blieb brav stehen. Alsbald kam mir weitere Flüssigkeit entgegen und jetzt war klar, dass ich den schmerzhaften Kanal des Hufgeschwüres richtig getroffen hatte. Erleichterung machte sich in mir breit.

Gregor holte alles, was ich für einen Hufverband brauchte und so bekam Gismo einen hübschen blauen Verband - passend zu seinem Hafter - von uns verpasst.

 

Als ich den frisch verpackten Huf absetzte, hat sich Gismo ein wenig erschrocken. "Äh, so was komisches am Huf und obwohl ich davon weggehe, verfolgt es mich auf Schritt und Tritt." Da ich mit dieser Reaktion gerechnet hatte - habe immerhin schon zig Eseln ihre Hufe verbunden, wenn auch meist "nur" als Demonstration in einen meiner Medical-Trainings-Kurse - führte ich ihn gezielt am Halfter und ließ ihn nicht einfach frei laufen. Denn dann kann sich auch ein eingeschränktes Fluchttier durchaus hochschaukeln und panisch werden. Doch Gismo ist durch und durch Esel. Er hat sich schnell von mir beruhigen lassen und sich mit dem blauen Verband abgefunden.

 

Kommende Woche ist ohnehin meine Hufpflegerin wieder vor Ort und dann wird sie sich den Huf noch einmal ganz genau anschauen. Bis dahin werde ich die "Wunde" verarzten und die Verbände regelmäßig wechseln.

Ich denke, dass Gismos Schmerzen rasch abklingen werden. Die Chancen dafür stehen gut, denn die zischende Luft und die Flüssigkeit, die mir entgegengekommen sind, haben bestimmt gedrückt und alleine das, wird nun schon eine Erleichterung für ihn sein.


2. November 2018

Beim ersten Check heute Morgen (06:45 Uhr), ging es Gismo schon um Längen besser. Er tritt zwar noch mit Bedacht auf dem linken Huf auf, hält das Bein aber nicht mehr in die Höhe und humpelt kaum merklich.

Und gegen Mittag wirkte Gismo durchaus zufrieden. Kein Humpeln mehr zu erkennen. Ich denke, dass "Schlimmste" haben wir überstanden. Jetzt gilt es den Hufgeschwürkanal sauber zu halten, bzw. darauf zu achten, dass kein unnötiger Schmutz dort hineingerät.

Ein Glück nur, dass ich bedingt durch meine Seminare (Medical-Training & Erste Hilfe am Esel), einen so großen Vorrat an Verbandsmaterial immer vor Ort habe.


3. November 2018

Da sich Gismo wieder vollkommen normal bewegt, den Huf richtig belastet und der Hufverband nach wie vor gut in Schuss war, habe ich ihn heute noch nicht gewechselt. Der Eiter scheint aus dem Geschwür gut abgelaufen zu sein. Damit ist der Druck aus dem Huf und die Schmerzen sind weg.

 

Meiner bisherigen Erfahrung nach verläuft ein Hufgeschwür wie folgt:

  • abends ist alles noch normal - der Esel ist gesund und munter
  • am nächsten Morgen humpelt der Esel extrem stark
  • der Huf wird nicht mehr belastet und teilweise schwillt sogar das Bein an
  • sind die Schmerzen besonders stark, kann man in der Fesselbeuge sogar den Puls ertasten
  • mit einer Druckzange, kann der Tierarzt den Schmerzherd im Huf lokalisieren
  • da ein Hufgeschwür aber erst reifen muss, legt man zuerst einmal einen Hufverband an - wir füllen den Hufverband mit Sauerkraut,denn das Sauerkraut hilft beim Reifeprozess und macht hinzu das Horn weicher, so dass der Tierarzt später besser schneiden kann
  • der Sauerkrautverband bleibt 2 bis 3 Tage am Huf und danach sind für gewöhnlich die Grundlagen ideal, das Hufgeschwür fachgerecht vom Tierarzt aufschneiden zu lassen
  • ist der Geschwürkanal gefunden und geöffnet, fließt Eiter ab und damit minimiert sich der Druck im Huf - die Schmerzen klingen sofort langsam ab
  • der geöffnete Kanal muss jetzt aber pingelig sauber gehalten werden - am besten einen fachgerechten Hufverband anlegen, damit kein Schmutz in die "Wunde" dringen kann
  • nach ca. 1 bis 2 Wochen ist das geschnittene Loch wieder so weit zugewachsen, dass man es mit Watte stopfen und auf den Hufverband verzichten kann - aber das ist natürlich individuell zu behandeln - je nachdem wie tief das Geschwür im Huf saß
  • da das Horn immer weiter wächst, wird über kurz oder lang der Huf wieder vollkommen normal aussehen

Auch wenn ein Hufgeschwür in der Regel gut abheilt, ist es oft ein langwieriger Prozess, bis die Hornsubstanz an dieser Stelle wieder perfekt ist.

 

Eine Hufrehe hatte ich ausgeschlossen, weil:

  • die Hufe sehr gut aussehen
  • die Fütterung die letzten 6 Monate konstant war - keine Überfütterung o.ä.
  • Gismo trotz "Wampe" nicht zu dick ist - meist neigen fette Esel zu Hufreheschüben
  • Hufrehe in der Regel die Hufe paarweise betrifft und nicht einen einzelnen Huf - es sei denn, wenn es sich dabei z. B. um eine Belastungsrehe handelt

4. November 2018

Am Mittag habe ich den Hufverband gewechselt - heute einmal ein roter Verband, denn Abwechlungs muss sein. Nein, Scherz beiseite, ich wollte, dass Gismo auch verschiedene Verbandsfarben akzeptiert. Das alles ist also kein reiner "Modetick" von mir, sondern ich denke mir auch immer was dabei.

Gismo tat so, als sei das alles ganz selbstverständlich, irgendwie wie Alltagsgeschehen. Ich staune immer wieder wie schnell Esel lernen.

Der erste Verband hätte evtl. noch einen Tag länger gehalten, aber ich wollte mir den Huf ja schließlich auch nun einmal ansehen. Alles sieht gut aus und ich habe das Loch im Horn nun mit iso-Betadine gespült.

Da Gismo ja gelernt hat, mir den Huf so zu geben, dass ich ihn mir bequem auf mein Knie/Bein legen kann, habe ich beide Hände zum Arbeiten frei, was es mir natürlich viel einfacher macht, als wenn eine andere Person mir den Huf fest- bzw. hochhalten müsste.

Eine solide Grundausbildung zahlt sich am Ende immer aus und macht nicht nur den Alltag stressfreier, sondern hilft auch bei extremeren Situationen.


5. November 2018

Es ist immer wieder schön beobachten zu dürfen, wie gut Léon und Gismo miteinander befreundet sind. Auch wenn andere Esel auf ihren Bereich kommen, halten die beiden Jungs stets fest zusammen. Echte Kumpel halt.

gegenseitige Fellpflege

Léon und Gismo beknabbern sich das Fell


6. November 2018

Heute hatten wir einen wunderschönen Herbtstag. Warm und viel Sonne. Gismo und Léon haben wieder ausgiebig miteinander Nachlaufen gespielt. Der Beweis, dass er keine Schmerzen mehr hat und es ihm gut geht.


7. November 2018

Hufschmied- bzw. Hufpflegertermin stand an.

Gismos Hufgeschwür sieht gut aus und die Hufpflegerin hat meine "Arbeit" gelobt. Die Vorsorge mit dem Hufverband soll ich noh 2 Wochen beibehalten, danach kann ich das Loch mit Watte stopfen.

Bei Léon lief es leider nicht so gut. Seine Vorderhufe hatten wir gerade fertig, die waren übrigens bilderbuchmäßig, da hat er sich vor irgendetwas dermaßen erschrocken - habe nicht rausfinden können, was es war - dass er gestiegen ist und sofort Stress-Durchfall bekommen hat. Danach war nicht mehr daran zu denken, an die Hinterhufe zu gehen, bzw. ich habe meine Hufpflegerin erst gar nicht daran gelassen.

Da seine Hufsubstanz jedoch wirklich top ist, mache ich mir keine großen Gedanken, dass wir dies dann auf den nächsten Termin verlegen werden.


8. November 2018

Tolles Wetter und die Esel spielen viel. Immer ein sicheres Zeichen, dass es ihnen gut geht.


9. November 2018

Heute ein schwarzer Hufverband - jetzt haben wir alle Farben durch, die ich auf Lager habe. Léon schaut immer total interessiert dabei zu, wenn ich Gismos Verband wechsle.


10. November 2018

Hui, was für ein Regen und Wind. Da bekommen die Esel mit ihrem langsam dichter werdenden Winterfell richtig hübsche Löckchen.


11. November 2018

Die Jungs haben versucht, den vollen Trinkwasserbottich durch die Gegend zu tragen.

Haha, aber nicht mit mir. Ich kenne schließlich Eseljungs, und weiß, welche Flausen sie früher oder später im Sinn haben werden und habe Vorkehrungen getroffen, indem ich den Bottich gut festgekettet habe. Denn meine eigenen Jungs haben das auch liebendgerne gemacht.

Dumm gelaufen also für Léon und Gismo.


12. November 2018

Heute war für mich ein sehr trauriger Tag, denn wir haben unser Ziegenböckchen Chuzpe von seinem Leid erlösen lassen. Gismo und Léon haben mich, sensibel wie sie sind, getröstet und waren ausgesprochen verschmust zu mir.

Chuzpe hatten wir im Juni 2018 in Frankreich gekauft,

doch leider war er extremst verwurmt.

Die Befürchtung, dass er gegen die Parasiten nicht gewinnt,

hat sich heute bestätigt.

Die Resistenzen sind inzwischen ein großes Problem bei den Kleinwiederkäuern.

Hinzu kam, dass seine Leberwerte sehr schlecht waren.

Das war bestimmt nicht förderlich für seinen Kampf.

Verschiedene Tierärzte und diverse Behandlunsgmethoden schlugen letztendlich alle Fehl.

Wir trauern sehr um diesen herzallerliebsten Bock und sind hinzu aber auch froh,

dass sein Leidensweg nun zu Ende ist.


13. November 2018

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